Wenn das Geschwisterkind ein Sternenkind ist
- Valeria Bisaccia

- 10. Aug.
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Aug.
Ich hatte vor fünf Jahren eine stille Geburt. E. war mein erstes Kind. Zwei Jahre später ist sein kleiner Bruder lebend und gesund geboren. Er ist jetzt drei Jahre alt.
Manchmal wird mein jüngeres Kind als Einzelkind bezeichnet.
Inzwischen verletzt es mich meistens nicht mehr (das war sehr lange Zeit anders), denn ich brauche nicht mehr so sehr diese Bestätigung von außen, die mir ,,erlaubt" zu sagen, dass ich wirklich zwei Kinder habe und nicht nur eins. Ich weiß, dass es zwei sind und das reicht.
Ich bin sehr dankbar, dass sich dies in mir verändert hat, weil ich somit mehr unantastbaren Frieden haben kann.
Ich verstehe, dass es schwer ist für Außenstehende, zu sehen, was es bedeutet, dass mein lebender Sohn wirklich einen Bruder hat, auch wenn dieser gestorben ist.
Wäre ich nicht mitten in dieses Leben hineingeworfen worden also in diese Gleichzeitig der Mutterschaft eines ,,Sternenkindes" und eines ,,Regenbogenkindes" (wie man Kinder nennt, die nach dem Tod eines Babys geboren werden) - dann hätte ich auch absolut keine Ahnung.
Meistens ist es so: Entweder denken die Menschen er sei Einzelkind oder sie wissen, dass es einen großen Bruder gibt, aber sie nehmen nur wahr, was dadurch fehlt: Er wächst ohne seinen Bruder auf. Es gibt niemanden, der mit ihm gemeinsam größer wird, niemanden, mit dem er sich Spielsachen teilt oder darum streitet. Es gibt niemanden außer ihm, der uns als Eltern erlebt und mit dem er später mal die Kindheit reflektieren kann.
Und trotzdem fühlt sich die Bezeichnung „Einzelkind“ für mich nicht richtig an.
Bis mein lebender Sohn zirka zwei Jahre alt war, hat es sich richtig angefühlt zu sagen, dass er einen großen Bruder hat.
Und ab zirka seinem dritten Lebensjahr war es anders: Es fühlte sich nicht mehr nur richtig an. Mir wurde klar, dass es richtig ist.
Und wichtig ist, ihm diese Klarheit zu vermitteln.
Denn mein Kind hat einen (Sternenkind)-Bruder. (Ich setze dies in Klammer, da ich persönlich mit dem Begriff Sternenkind nicht viel anfangen kann, aber ihn doch manchmal verwende zwecks Verständnis).
Sein Bruder ist gestorben. Er hat keinen Körper mehr. Aber er ist immer bei uns.
Jede Familie findet ihre eigenen Worte dafür. Wir sagen, dass seine Seele immer bei uns ist. Sie wird weder geboren noch stirbt sie jemals, sie ist einfach da. Immer.
Eine andere Familie empfindet und erklärt es sicherlich anders. Für jeden gibt es eine ganz eigene Wahrheit und auch ein ,,ich weiß es nicht" ist eine Wahrheit. Und es ist normal, dass sich diese Wahrheit für einen selbst entwickelt und nicht immer sofort klar ist.
Geschwisterschaft sieht bei uns anders aus
Mein Kind kennt sein Geschwisterchen nicht aus gemeinsamen Erinnerungen. Zumindest nicht in diesem Leben.
Aber es kennt seinen Namen. Weiß, wann der Geburtstag ist. Hat Fotos gesehen und weiß bei Schwangerschaftsfotos genau, ob er selbst im Bauch ist oder sein Sternenkindbruder.
Und es gibt Dinge, die ganz selbstverständlich zu unserem Familienalltag gehören, weil E. zu unserer Familie gehört.
Zum Beispiel die Kuscheltiere: Mein Sohn weiß, dass manche davon seinem verstorbenen Bruder gehören (meist sind das Geschenke gewesen). Er hat für sich selbst beschlossen, dass er diese nicht einfach nehmen und behalten kann. Wenn er sich eins nimmt, sagt er, dass er es sich ausleiht. Später wird es wieder zurückgelegt.
Für mein Kind ist das keine komplizierte philosophische Frage.
Es gehört jemand anderem. Und dieser Jemand gehört zu unserer Familie.
Manchmal borgt er sich auch ein Erinnerungsstück vom Gedenkplatz aus. Oder er tauscht etwas: E. darf z.B. einen Duplo-Stein von ihm haben und dafür nimmt er sich die schöne Muschel von E. Später wird zurück getauscht.
Ich hätte dieses ,,Korrektheit" nicht verlangt, aber für ihn ist es selbstverständlich. Weil er es mit anderen Kindern auch so kennt. Da weiß er, dass man nichts wegnimmt, sondern vielleicht tauschen kann. Der Tod macht für ihn keinen Unterschied in diesem Punkt.
Das sind genau diese kleinen und eigentlich sehr großen Momente, in denen ich merke, dass Geschwisterbeziehung bei uns tatsächlich stattfindet und auch Werte gelebt und gestärkt werden wie mit einem lebenden Geschwisterchen.
Es ist bei Weitem natürlich überhaupt nicht so, wie ich mir mein Leben, meine Mutterschaft früher vorgestellt habe. Aber auf eine Weise, die für mein Kind ganz selbstverständlich geworden ist, ist es sehr schön so. Traurig und schön. Und manchmal viel mehr schön als traurig. Und manchmal mehr traurig als schön - wobei das inzwischen seltener ist.
Geburtstage ohne Geschenke
Obwohl wir nur ein lebendes Kind haben, gibt es bei uns Kindergeburtstage, an denen mein lebendes Kind keine Geschenke bekommt.
Dieser Geburtstag, der seinem Bruder gehört.
Es gibt einen Geburtstagskuchen, Kerzen, Blumen, Geschenke, eine Geburstagsgirlande und sogar gute Laune :-) - denn wir freuen uns, dass E. geboren ist.
Aber es gibt nicht automatisch Geschenke für mein Kind.
Und ich finde das gut.
Denn sein Bruder hat Geburtstag und er hat einen festen Platz in unserer Familie.
Und dieser Platz muss nicht kleiner werden, nur weil er nicht mehr lebt.
Würde mein Sohn das total blöd und traurig finden, dass er keine Geschenke an diesem Tag bekommt, dann würde ich es vermutlich anders machen. Aber es ist wie mit dem Tauschen und Fragen, ob man das Spielzeug nehmen darf: Mein Sohn ist ganz natürlich damit aufgewachsen, dass es noch ein Kind gibt, das wir lieben und das dazugehört und auch dieses Platz hat. Und somit ist es bisher nie ein Problem gewesen, dass er an diesem Geburtstag kein Geschenk bekommen hat.
Er freut sich jedenfalls immer sehr auf den Geburtstag von E., weil es Kuchen gibt und einen bunt geschmückten Geburtstagstisch :-)
Der Geburtstag ist meist sehr fröhlich, während der Todestag von E. oft emotional schwierig für uns Eltern ist. Auch das erlebt E.s kleiner Bruder. Und er weiß, dass dies nichts mit ihm zu tun hat. Mein Kind darf an diesem Tag einfach Kind sein. Er muss nicht die Trauer der Erwachsenen mittragen. Er muss nicht traurig sein, nur weil wir traurig sind. Er darf spielen, lachen, laut sein. Und so macht er das auch.
Beides darf nebeneinander existieren. Und es ist so schön, diese große Weite zu erleben, die diese Gleichzeitigkeit mit sich bringt.
Ich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, was meinem Kind fehlt
Natürlich kenne ich diese Sorge.
Mein Kind wird nie erleben, wie es ist, mit seinem Geschwisterchen ,,ganz normal" aufzuwachsen.
Es wird keine ,,ganz normalen" gemeinsamen Kindheitserinnerungen geben.
Vielleicht wird es ihm irgendwann zu langweilig sein, mit uns allein auf Urlaub zu fahren.
Vielleicht wird er später Fragen stellen, auf die ich keine Antwort habe.
Vielleicht wird er irgendwann traurig darüber sein. Bisher hat er ein- oder zweimal gesagt, dass er nicht will, dass E. tot ist und er mit ihm spielen will.
Und dann gibt es Tage, da spielt er mit ihm. Führt ,,Gespräche" oder spielt, dass E. eins seiner Stofftiere ist oder will Rollenspiele spielen, in denen er E. ist.
Je älter mein Kind wird, desto klarer wird mir, dass die Frage nicht nur ist, was ihm fehlt.
Sondern auch, was es durch seine ganz eigene Familiengeschichte Wertvolles mitbekommt.
Er lernt, dass Menschen fehlen können und trotzdem dazugehören.
Dass der Tod nicht das Ende ist.
Er lernt, dass Eltern manchmal traurig sind und man als Kind keine Verantwortung dafür trägt und unbeschwert spielen darf.
Er lernt etwas über Leben und Tod.
Er lernt, dass man mit den Dingen eines Anderen vorsichtig umgeht, auch wenn dieser Mensch nicht mehr lebt.
Er lernt, dass nicht alles sichtbar ist und eine Familie vielleicht mehr Familienmitglieder hat, als man sieht.
Dass Trauer etwas Normales ist.
Dass man über und mit jemanden sprechen kann, den man selbst nie kennengelernt hat.
Er lernt, dass es mehr gibt als das Sichtbare und weiß, dass er gehört wird, wenn er mit E. spricht.
Und ganz besonders lernt er, dass Liebe nicht damit endet, dass jemand stirbt.
Das sind Dinge, die ich meine Kind nicht bewusst beibringen muss.
Sie sind einfach Teil unseres Familienlebens.
Ich kann meinem Kind sein Geschwisterchen nicht ins Leben holen
Und das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem mein Herz manchmal weh tut.
Ich kann diese Geschwisterbeziehung nicht so herstellen, wie ich sie mir eigentlich vorgestellt hätte.
Ich kann kein gemeinsames ,,normales" Aufwachsen ermöglichen.
Ich kann keine Erinnerungen schaffen, die es nie gegeben hat.
Ich kann meinem Kind nicht sagen, was sein Bruder gerne gespielt hätte.
Ich kann ihm kein Foto zeigen, auf dem beide zu sehen sind.
Aber ich kann dafür sorgen, dass er nicht so tun muss, als hätte er nie existiert. Oder dass er raten muss, was da eigentlich passiert ist und warum wir manchmal traurig sind.
Ich kann seinen Namen sagen. Seine Geschichte erzählen. Ich kann Erinnerungen bewahren. Ihm E.s Erinnerungsbox durchwühlen lassen. Ich kann die Dinge, die seinem Geschwisterchen gehören, auch weiterhin als Dinge seines Geschwisterchens behandeln.
Und ich kann meinem Kind Raum geben, seine eigene Beziehung zu E. oder zu dieser Thematik zu entwickeln.
Das ist möglich, indem ich weniger Antworten gebe und mehr Fragen stelle. Eigene Erwartungen zurückstelle. Mehr ,,vielleicht" verwende, weniger ,,es ist so und so." Mehr ,,ich spüre ihn so und so und du vielleicht ganz anders oder gar nicht."
Vielleicht wird diese Beziehung irgendwann sehr wichtig für ihn sein.
Oder vielleicht wird sie keine Rolle spielen.
Es ist auch möglich, dass sich das im Laufe seines Lebens immer wieder verändern wird.
Das darf sein.
Indem mein Kind von seinem großem Bruder weiß, gebe ich ihm die Freiheit, zu entscheiden, wie und ob er dieses Geschwisterbeziehung lebt.
Ein Einzelkind?
Vielleicht ist mein Kind für andere ein Einzelkind.
Für mich ist es das nicht.
Sein Bruder ist nicht hier und doch irgendwie hier.
Und nicht hier zu sein bedeutet für mich nicht, nicht dazuzugehören.
Ich möchte meinem Kind nicht einreden, dass es etwas Besonderes an seiner Geschwisterbeziehung finden muss. Ich möchte auch nicht, dass sein Sternenkindbruder ständig Thema ist.
Er darf sein eigenes Leben haben. Unabhängig von unserer Familiengeschichte.
Er darf lachen, spielen, wild sein, wachsen und wochenlang nicht an seinen Bruder denken.
Und gleichzeitig darf er wissen:
Ich habe einen Bruder.
Mama und Papa haben noch ein Kind außer mir.
Jemand, den ich nie berührt habe.
Jemand, dessen Kuscheltier mir nicht gehört.
Jemand, dessen Geburtstag zu unseren Familienfesten gehört.
Jemand, mit dem ich auf eine Weise Geschwister bin, die andere vielleicht nicht verstehen.
Jemand, zu dem ich immer sprechen kann, auch wenn ich vielleicht keine Antwort wahrnehme.
Ich habe einen Bruder, der mich liebt.



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