Was, wenn eine Fehlgeburt kein Fehler ist?
- Valeria Bisaccia

- 2. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Juni
Ich konnte es nicht halten. Mein Baby. Meine Schwangerschaft.
So hat es ein Familienmitglied formuliert, als ich eine Fehlgeburt hatte.
,,Oh je, sie konnte es nicht halten" - sagte die Person zu meinem Mann.
Dann war ich wieder schwanger.
,,Sag ihr, sie soll dem Baby sagen, dass es willkommen ist.“
Habe ich nicht.
Mein Baby war willkommen.
Das wusste ich.
Das wusste es.
Ohne Worte.
Ich hatte nicht die Macht über das Leben und den Tod dieses Kindes.
Und wenn es stirbt… konnte ich es dann nicht halten? Ist es meine Schuld? Hat es sich wegen mir nicht willkommen gefühlt?
Das Leben und der Tod sind nicht so berechenbar, dass wir einfach sagen können:
,,Bitte bleib''.“ oder ,,Bitte geh.".
Diese Babys sind so viel größer, als wir erahnen. - denke ich.
Wir lenken sie nicht, wir können sie nicht lenken.
Natürlich gibt es auch die medizinische Seite.
Es gibt Blutwerte, die kontrolliert gehören, Notfälle, die dringend behandelt werden müssen, Medikamente die man geben kann, um Komplikationen zu vermeiden, gesundheitsförderndes und gesundheitsschädigendes Verhalten in der Schwangerschaft. Das sind alles Situationen, Aspekte, Momente, in denen wir - zumindest gefühlt - tatsächlich einen Funken Macht über Leben und Tod haben.
Und: es gibt noch etwas.
Es gibt die Welt, in der alles perfekt orchestriert ist. Bestimmt. Verwoben.
Und ich weiß, das kann sehr provokant und sehr falsch klingen.
Wenn es für dich falsch klingt, dann ist es falsch. Vertrau' auf deine Wahrnehmung.
Obwohl ich nach dem Tod meiner Babys selbst wusste, dass aus einer höheren Perspektive alles gut ist, wie es ist, alles ist, wie geplant; ich hätte es gehasst, wenn jemand Außenstehendes mir das gesagt hätte. Aus Angst, dass mein Gegenüber die Intensität meiner menschlichen Erfahrung, meiner Trauer, beschwichtigen wollen würde mit einer spirituellen Sicht auf mein pures, schmerzhaftes, menschliches Erleben.
Und ich sage auch nicht, dass es die Wahrheit ist.
Aber es ist meine Wahrheit.
Es ist alles gut, wie es ist (auf einer Ebene).
Es gab Zeiten, in denen ich das nicht hören wollte und es gibt noch immer Menschen, von denen ich das nicht hören möchte. Weil sie diese menschliche Seite aussparen. Die menschliche Erfahrung. Den intensiven Schmerz. Die unbeschreibliche Erschütterung. Das Herzzerreißen.
Die Gefahr besteht, dass Menschen durch die Perspektive ,,es ist alles gut, wie es ist und hätte genau so kommen sollen" vergessen, dass der menschliche Schmerz trotzdem genauso groß ist und keineswegs kleiner, nur weil alles ist, wie es vielleicht sein soll.
Denn das wäre viel zu eng gedacht.
,,Alles ist, wie es sein soll" impliziert auch, dass ich die Erfahrung mache von diesem tiefen, tiefen, tiefen menschlichen Schmerz. Es ist und war nie bestimmt, dass diese Erfahrung übersprungen werden soll.
Das Leben war nie dazu gedacht weniger als ,,viel“ zu sein.
Viel Gefühl.
Viel Erleben.
Viel Trauer.
Viel Leichtigkeit.
Viel alles.
Und wir Menschen sind fähig, dieses VIEL zu fühlen, zu erleben, zu verkörpern, auszudrücken - in Worten, in Bewegung, in Musik, in Blicken, in einem Seufzer, in einer Umarmung,...
Spiritualität ist dann voll, pur, echt, gelebt, geerdet, verkörpert, wenn sie die menschliche Erfahrung miteinschließt.
Wenn das Mensch-Sein mit all den schmerzhaften Erfahrungen ausgeblendet wird, dann fehlt die Hälfte.
Mein Baby ist kein Fehler.
Seine Lebensdauer ist kein Fehler.
Sein Leben ist kein Fehler.
Sein Tod ist kein Fehler.
Und ich sage damit nicht, dass dieser Schmerz und damit der Tod meines Babys etwas Positives haben muss, etwas daraus geboren werden muss.
Nein.
Dieser Schmerz, diese Erfahrung ist einfach .
Und durch sein Sein ist er genug.
Nichts muss davon kommen.
Nichts muss damit gemacht werden.
Mein Baby, dein Baby, seine Entscheidungen, sein Weg, sein Sein sind perfekt.
Unabhängig von Leben und Tod.
Und wir sind Zeuginnen der Perfektion.
Liebende. Staunende. Trauernde. Wissende.
Was denkst du darüber?
Schreib gerne in die Kommentare.
Ich bin Valeria und arbeite als Hebamme.
Ich begleite Frauen einem Schwangerschaftsverlust / nach dem frühen Tod ihres Babys und in einer Folgeschwangerschaft.
Du findest bei mir persönliche Begleitung (auch online). Sowie Webinare für Sternenkindeltern, eine Meditation für Sternenkindeltern, eine 7-Tages-Schreibreise für dich und dein Sternenkind sowie mein mein E-Book ,,ein ganzes, kurzes Leben".
Falls du dich mit der Frage beschäftigst, ob du nochmal schwanger werden willst, darfst du dir gerne kostenlos die Reflexionsfragen -PDF ,,Bereit für eine erneute Schwangerschaft" runterladen.



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