Focusing: Die Weisheit des Körpers wiederentdecken
- Valeria Bisaccia

- vor 5 Tagen
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„Wir fühlen mehr, als wir denken können, und wir leben mehr, als wir fühlen können.“ - Eugene Gendlin (1926- 2017)
Hinter unseren Gedanken, Emotionen, unseren Erklärungen, unseren Mustern, unserem Verhalten, unserer Reaktion existiert eine tiefere Ebene des Erlebens – ein körperlich gespürtes Wissen, das bereits die Richtung kennt, bevor unser Verstand sie erkennt.
Viele Menschen suchen Antworten durch Nachdenken. Sie analysieren Situationen, wägen Vor- und Nachteile ab und versuchen, Klarheit durch Logik zu gewinnen. Dennoch bleiben manche Fragen offen. Warum fällt eine Entscheidung so schwer? Weshalb fühlt sich etwas trotz aller Vernunft nicht richtig an? Warum fühle ich mich jedesmal so und nicht anders? Wieso kann ich mich nicht einfach zusammenreißen?
Genau hier setzt Focusing an.
Das implizite Wissen des Körpers
Der Psychotherapeut und Philosoph Eugene Gendlin entdeckte während seiner psychotherapeutischen Forschung, dass nachhaltige Veränderungen oft dann geschahen, wenn Menschen innehalten und sich einem zunächst unklaren inneren Erleben, das körperlich gespürt werden kann, zuwenden. Dieses Erleben nannte er den „Felt Sense“.
Er beschrieb ihn als eine „körperlich gespürte Wahrnehmung einer Situation“, die alles umfasst, was wir über ein Thema wissen und fühlen – lange bevor wir dafür die passenden Worte finden.
Dabei geht es nicht um eine einzelne Emotion wie Angst oder Freude. Ein Felt Sense ist umfassender, komplexer und zunächst oft schwer greifbar.
Gendlin schrieb:
„A felt sense is an internal aura that encompasses everything you feel and know about the given subject.“
Wer sich auf diesen inneren Prozess einlässt, erlebt häufig etwas Überraschendes: Die Antwort entsteht nicht durch weiteres Nachdenken, nicht durch Information von Außen, sondern aus einem tieferen Kontakt mit dem eigenen Erleben.
Warum Gefühle sich verändern wollen
Eine der bekanntesten Aussagen Gendlins lautet:
„What is split off, not felt, remains the same. When it is felt, it changes.“
Darin steckt eine radikale Sichtweise. Viele Menschen glauben, unangenehme Gefühle würden verschwinden, wenn man sie ignoriert oder kontrolliert. Es scheint in unserer Gesellschaft völlig normal zu sein, eine Positivität fast schon zu erzwingen, während ,,Negatives" oder sagen wir Schwieriges weggedrückt wird. Gendlin beobachtete, dass Alles, was keinen Raum bekommt, meist unverändert bestehen bleibt.
Wenn wir jedoch bereit sind, einer inneren Spannung zuzuhören, beginnt sich etwas zu bewegen. Nicht weil wir aktiv eingreifen, sondern weil der Organismus von Natur aus nach Entwicklung strebt und zwar in eine Richtung, die für uns gut ist.
Der Körper trägt die ganze Geschichte
Im Alltag neigen wir dazu, Probleme in einzelne Aspekte zu zerlegen. Der Körper arbeitet anders. Er speichert Zusammenhänge, Erfahrungen, Erinnerungen und Bedeutungen als Ganzes.
Wer schon einmal das Gefühl hatte, dass „etwas nicht stimmt“, ohne es erklären zu können, kennt dieses Phänomen. Der Körper weiß bereits etwas, das der Verstand noch nicht formulieren kann.
Focusing bedeutet, an dieser Stelle zu verlangsamen und diesem Wissen neugierig und geduldig zuzuhören.
Der Felt Shift: Wenn etwas in Bewegung kommt
Im Focusing-Prozess entsteht oft ein Moment, den Gendlin als „Felt Shift“ bezeichnete. Plötzlich passt ein Wort, ein Bild oder eine Erkenntnis genau zu dem, was vorher nur vage spürbar war.
Viele Menschen berichten dann von einer körperlichen Erleichterung. Die Schultern entspannen sich. Der Atem wird tiefer. Ein Seufzer, manchmal. Etwas fällt an seinen Platz.
Gendlin beschrieb diesen Prozess als ein natürliches Geschehen des Körpers:
„The experience of something emerging from there feels like a relief and a coming alive.“
Die Veränderung wird nicht gemacht. Sie geschieht.
Jede Schwierigkeit enthält eine Richtung
Besonders spannend ist Gendlins Sicht auf unangenehme Gefühle. Für ihn waren sie keine Hindernisse, sondern Hinweise.
Er formulierte:
„Every bad feeling is potential energy toward a more right way of being.“
Und an anderer Stelle:
„The bad feeling is the body knowing and pushing toward what good would be.“
Diese Haltung verändert den Umgang mit inneren Konflikten grundlegend. Statt gegen Angst, Unsicherheit oder Frustration anzukämpfen, können wir sie als Botschaften verstehen, die auf etwas Wesentliches aufmerksam machen wollen.
Focusing als Haltung des Zuhörens
Focusing ist weit mehr als eine Methode. Es ist eine Philosophie. Eine Haltung gegenüber dem eigenen Erleben.
Anstatt sofort Lösungen zu suchen, lernen wir, einen Moment bei dem zu verweilen, was sich zeigt. Wir hören zu. Wir warten. Wir lassen Raum.
Gendlin sagte dazu:
„Whatever comes in focusing, welcome it.“
Focusing gibt uns die Möglichkeit, unsere Antworten zu entdecken, statt vorgefertigte Antworten der Gesellschaft zu übernehemen.
Im Focusing können wir uns selbst begegnen - auf liebevolle Arte und Weise - so wie wir wirklich sind und uns darin üben, uns anzunehmen, wie wir sind.
Focusing ist eine wunderbare Methode, um Entscheidungen zu treffen, die wirklich gut für uns sind.
Focusing zeigt uns, wie viel (Spiel)-Raum wir eigentlich haben und oft sind wir überrascht, dass unsere Welt doch größer und facettenreicher ist, als wir dachten.
Focusing lädt uns ein, unserem Wahren zu begegnen – nicht im Kopf, sondern dort, wo Leben unmittelbar erfahren wird: im Körper.

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