Als ich nach meiner stillen Geburt wieder schwanger war...
- Valeria Bisaccia

- 18. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
...hatte ich das Gefühl nirgendwo mehr dazuzugehören.
Zuvor war ich verwaiste Mama. Eine Frau, deren Baby in der Spätschwangerschaft gestorben ist. Eine Trauernde. Rausgenommen aus dem Alltag, aus dem Leben. Im Ausnahmezustand.
Ich konnte mir ,,erlauben" unwichtiges Zeug, unwichtige oder wenig wichtige Entscheidungen auf einen Zeitpunkt in der Zukunft zu verschieben. Auf einen Zeitpunkt, an dem ich wieder stabiler im Leben stehen würde. Es war vollkommen verständlich und ,,legitim", dass ich jetzt einfach erst einmal nur Trauernde bin.
Als ich dann zwei Jahre später schwanger war - mit meinem heute lebenden Sohn - und mein Babybauch deutlich sichtbar war, als ich schon Bewegungen spürte und im Ultraschall alles ,,gut aussah", entwickelte mein Umfeld eine Zuversicht, die ich selbst nicht in dieser Sicherheit fühlte:
,,Diesmal geht alles gut. "
Ich war innerlich immer noch am selben Ort. Trauernd um meinen verstorbenen Sohn und zweifelnd, ob dieses Kind lebend auf die Welt kommen würde. Die Angst, dass er sterben könnte, kam immer wieder, obwohl die Schwangerschaft völlig unauffällig verlief. Eigentlich war sie eher dauerpräsent, mal im Hintergrund und mal drängend, schockierend, lähmend, sehr körperlich. Das ist verständlich, denn ich kannte die Erfahrung nicht: schwanger sein und am Ende ein lebendes Kind im Arm halten. Natürlich war das in meinem Beruf die Norm aber ich persönlich hatte diese Erfahrung mit meinen Kindern, mit meinem Körper nicht. Bei mir hieß: Schwangerschaft = baldiger Tod eines Baby, körperliche und emotionale Gefahr, große Trauer, aus der Lebensbahn geworfen werden, ein gebrochenes Herz haben.
Ich war nicht die ,,glückliche Schwangere", als die mich Viele wahrscheinlich gerne gesehen hätten - oder sogar dachten mich zu sehen.
In mir wuchs der Eindruck, nun eine andere Rolle einnehmen zu müssen, nicht weil ich mich danach fühlte, sondern weil es mir schien, dass das erwartet wird: Lebensfroh zu sein, mich wieder gut zu fühlen, zurückzukehren zu dem Ich, das ich vor dem Verlust gewesen war.
Da war ich also: schwanger mit meinem ,,Regenbogenbaby", nicht mehr nur verwaiste Mama, aber auch nicht glückliche Schwangere.
Ich fühlt mich in einem Zwischenstadium. Als dürfte ich weder zur Gruppe der Trauenden gehören noch zur Gruppe der glücklichen Schwangeren.
Das eigentliche Problem war natürlich nicht das ich keine ,,Gruppe" hatte, sondern, dass ich mir offenbar selbst nicht erlaubte, weiterhin genauso stark um meinen verstorbenen Sohn zu trauern. Gleichzeitig erlaubte ich mir weder eine große Freude über meinen lebenden Sohn in meinem Bauch noch kommunizierte ich offen, dass ich immer wieder Momente und Phasen von starker Angst hatte.
Ich habe meine Bedürfnisse wenig wahrgenommen, wenig kommuniziert, ich wollte nicht zugeben, wie es mir wirklich geht.
Und nichts daran ist falsch. Ich habe das mir Mögliche getan, bin meinen Weg gegangen. Es war, wie es war. Es musste nicht anders sein.
Ich halte nichts davon, mit Druck und aus Prinzip in allem etwas Positives sehen zu müssen. Jedes Erleben darf wichtig und gut genug sein, um für sich selbst zu stehen, ohne mehr sein zu müssen. Und doch ist es oft so, dass sich im Rückblick vieles „verwoben“ anfühlt, Sinn ergibt und zu Gutem führt.
In meinem Fall kann ich sagen, dass mir dieses intensive Erleben und diese Hilflosigkeit (weil ich mir keine Hilfe geholt habe) mein Herz offen gehalten haben und mir erlaubt haben, heute aus tiefem Mitgefühl und großem Respekt anderen Schwangeren in ähnlichen Situationen beizustehen – und ihnen eine Unterstützung zu bieten, die ich mir selbst nicht geholt habe. Weil ich die Not kenne, die sehr oft unsichtbar bleibt und sich fast ,,verboten" anfühlt, denn ich müsste doch jetzt glückliche Schwangere sein.
Eine herzliches ,,Du bist ok, wie du bist. Deine Gefühle sind richtig" an DICH! Danke, dass du auf meinem Blog vorbei geschaut hast.



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