top of page

Selbstfürsorge braucht eine Schwimmbrille

Aktualisiert: vor 4 Tagen


Eine Mutter war neulich mit ihrem fast zweijährigen Sohn schwimmen.

Er liebt Wasser. Vor allem liebt er es, damit herumzuspritzen.


Seine Mama mag es aber überhaupt nicht, wenn ihr Wasser ins Gesicht gespritzt wird.


Trotzdem geht sie mit ihm schwimmen. Sie möchte ihm die Freude daran natürlich nicht nehmen und gleichzeitig möchte sie sich nicht die ganze Zeit unwohl fühlen.

Ihre Lösung ist ziemlich einfach: Sie trägt eine Schwimmbrille.


Als ich dabei zuschaute, musste ich lachen, es war wirklich so ein lustiger und schöner Anblick, wie sie aus Liebe zu ihrem Kind und zu sich selbst einen so simplen aber doch kreativen Weg gefunden hat.


Und gleichzeitig dachte ich, dass darin eigentlich eine ziemlich schöne Idee für Selbstfürsorge steckt.

In der Elternschaft müssen wir nicht alles lernen auszuhalten, was uns anstrengt oder uns unwohl fühlen lässt.

Wir können Wege finden, die für beide funktionieren.

Einen, der nicht impliziert, dass das Kind sich verändern muss. Und auch nicht, dass wir uns selbst übergehen.


Gerade mit kleinen Kindern gibt es viele Dinge, die anstrengend sein können, ohne dass man sie unbedingt als großes Problem bezeichnen würde.

Das häufige Berührtwerden zum Beispiel. Oder Lärm. Ein Kind, das gefühlt den ganzen Tag etwas von einem möchte. Essen, das auf dem Boden landet. Ein Abend, an dem das Einschlafen eine Stunde länger dauert als gedacht.

Von außen betrachtet sind das Kleinigkeiten. Im Alltag können sie trotzdem irgendwann extrem an die Substanz gehen.

Und ich glaube, dass wir uns an dieser Stelle manchmal unnötig unter Druck setzen.

Wir denken, wir müssten einfach gelassener werden. Geduldiger. Belastbarer. Cooler. Ausgeglichener. Besser.

Als wäre die richtige Reaktion auf Überforderung, an uns selbst zu arbeiten, bis uns die Situation nicht mehr stört. Wir meinen dann, wir seien nicht in Ordnung, so wie wir sind.


Dabei könnte man mal probieren, sich zu fragen: Was könnte ich an der Situation verändern, damit ich mich nur ein klitzekleines bisschen wohler fühle?


Nicht immer lässt sich das umsetzen. Ein Baby wird nachts nicht deshalb durchschlafen, weil wir es uns wünschen. Ein zweijähriges Kind wird seine Gefühle nicht auf Knopfdruck regulieren können. Und manchmal gibt es schlicht Tage, an denen gefühlt nichts so läuft, wie man es geplant hat.

Aber zwischen „Ich muss das aushalten“ und „Das muss aufhören“ liegt ziemlich viel.


Die eigene Grenze ist nicht gegen das Kind gerichtet


Ich finde den Gedanken wichtig, weil die eigenen Bedürfnisse als Mutter oder Vater schnell ein schlechtes Gewissen auslösen können.

Wenn mich etwas am Familienalltag stört, heißt das nicht, dass ich mein Kind ablehne.

Wenn ich Ruhe brauche, heißt das nicht, dass ich mein Kind nicht gerne um mich habe.

Wenn mir Nähe manchmal zu viel wird, heißt das nicht, dass ich weniger liebe.

Und wenn ich eine Lösung suche, die mir etwas erleichtert, muss das nicht auf Kosten meines Kindes gehen.

Die oben erwähnte Mutter sagt ihrem Sohn schließlich nicht, dass er aufhören soll, Spaß am Wasser zu haben. Sie beißt aber auch nicht die Zähne zusammen und hält ihr Unwohlsein aus.

Sie setzt stattdessen einfach eine Schwimmbrille auf.

Ich mag dieses Bild, weil es so pragmatisch ist.

Sie hat für sich etwas gefunden, das die Situation verändert, ohne dass einer von beiden verzichten muss.


Selbstfürsorge ist manchmal erstaunlich unspektakulär


Selbstfürsorge sieht in der Elternschaft oft anders aus, als wir sie uns vorstellen.

Manchmal ist sie kein freier Nachmittag und auch kein Kinoabend.

Vielleicht ist sie die Entscheidung, das Kind heute eine halbe Stunde früher zur Oma zu bringen.

Oder jemanden zu bitten, den Einkauf zu übernehmen.

Vielleicht ist es, beim gemeinsamen Essen nicht jedes Mal die Krümel unter dem Tisch wegzuräumen.

Oder heute mal Pizza zu bestellen statt frisch gekocht.

Vielleicht ist es, sich morgens fünf Minuten länger im Bad zu gönnen, während der andere Elternteil das Kind übernimmt.

Oder sich selbst eine Schokolade zu kaufen.


Vielleicht ist es auch einfach sich selbst zu sagen/fragen:

Diese eine Sache macht mir gerade das Leben schwer. Was könnte ich daran verändern?

(und diese Sache ist niemals das Kind… es sind die Umstände, das Drumherum, Erwartungen an uns, To-Dos,….)


Das klingt banal. Ist es vielleicht auch.

Aber allein zu erkennen und zuzugeben, dass man sich gerade unwohl fühlt, kann einen nächsten Schritt eröffnen:


Einmal bewusst einatmen.

Langsam ausatmen.

10 Sekunden den Körper spüren: Wie fühlt sich der Kontakt von meinen Füßen zum Boden an? Wie fühlt sich mein Herz an? Was machen meine Schultern und mein Kiefer?

Und dann versuchen, sich selbst eine gute Mama zu sein: Was brauche ich gerade? Was kann ich tun, damit es ein bisschen angenehmer für mich ist?


Kleine, fast unbedeutend erscheinende Veränderungen können im Alltag einen Unterschied machen. Bei mir ist die Antwort manchmal, dass ich einfach meine Haare zusammenbinde, um einem Reiz (Haare, die ins Gesicht hängen) weniger ausgesetzt zu sein.


Ich glaube, dass wir gerade in der Elternschaft oft versuchen, uns an schwierige Situationen anzupassen.

Wir wollen geduldiger sein. Weniger genervt. Organisierter. Entspannter.

Und natürlich ist es sinnvoll, sich selbst besser kennenzulernen und eigene Muster zu verstehen.


Aber nicht alles muss an uns selbst liegen.

Manche Dinge dürfen einfach schwierig sein.

Und manche Dinge dürfen wir uns leichter machen.

Zwei Stunden Einschlafbegleitung zu machen und alle paar Stunden nachts geweckt zu werden ist nicht leicht, nichts daran ist leicht. Und deshalb muss es sich auch nicht leicht anfühlen.


Selbstfürsorge bedeutet nicht, dass wir aus uns einen anderen Menschen machen.

Wir dürfen die Mutter oder der Vater sein, die wir sind – mit unseren Vorlieben, unserer eigenen Geschichte, unseren empfindlichen Stellen, unseren Grenzen und unseren Bedürfnissen.


Und gleichzeitig dürfen wir Wege finden, mit dem Familienalltag so umzugehen, dass wir uns darin nicht ständig selbst verlieren.



Vielleicht lohnt es sich, beim nächsten Mal, wenn etwas im Familienalltag besonders anstrengend ist, nicht sofort zu denken: Ich muss damit besser klarkommen.


Sondern erst einmal:

Gibt es vielleicht eine ,,Schwimmbrille" dafür?

Kommentare


Newsletter

bottom of page